Gedicht: Das blaue Fieber

Vermutlich 1806 verfasste Georg Kerner dieses Gedicht, dessen Veröffentlichung für ihn lebensgefährlich gewesen wäre. Es drückt seinen ganzen Zorn darüber aus, was unter Napoleon mit den geliebten Idealen der Revolution geschah. Blau war die Farbe der französischen Uniformen.

Gelbes Fieber ist verschwunden,
hat das blaue losgebunden,
wilder rast es durch die Lande
und zerreißt die schönsten Bande,
selbst der Freiheit hohen Bund
stempelt es zum blauen Hund.

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Ein Brief aus Paris

Georg Kerners politische Reportagen waren oft als Reisebrief gestaltet – eine beliebte Form in damaligen Zeitschriften und Zeitungen. Auch ohne die Details der politischen Ereignisse und Akteur*innen zu kennen, zeigt dieser beispielhafte „Vierte Brief“ aus Paris aus dem März 1795 auch heute viel Spannendes: Kerner beschreibt das Geschehen im Nationalkonvent – eher eine Arena für Politik-Profis – und die drastischen Auseinandersetzungen auf der Straße. Er setzt das eine wie das andere in allgemeine, größere Zusammenhänge, spart nicht an Selbstdarstellung und drastischer Bewertung Andersdenkender (erst recht, wenn sie weiblich sind). Was immer an seiner Art zu schreiben heutige Leser*innen verstören oder nerven mag – seine Einblicke in das gesellschaftliche Geschehen des revolutionären Frankreich sind höchst wertvolle Quellen für interessierte Menschen von heute…

[…] Wir würden wohl nicht zum Besten davongekommen sein, wenn ich nicht eine heftige Bewegung gegen die wilde Amazone gemacht und ihr die Worte zugerufen hätte: »Du nennst mich einen Aristokraten – je nun, so ziehe dein Messer, bohre es in meine Brust – und du wirst republikanisches Blut herausströmen sehen.« Dieser Ausruf entwaffnete die Menge und rettete mich und meinen Begleiter aus der Gefahr. Das hauptsächlichste Erfordernis, im Fall man zu den minder Aufgeklärten spricht, ist dies, dass man sich glücklicher Bilder bediene und durch die Sinnen zu dem Herzen gelange.

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Besuch in Ludwigsburg

Beißende Kritik, elegant formuliert: Georg Kerner nutzte einen Besuch in Ludwigsburg, um aufschlussreiche Beschreibungen aus Familie und Staat zu Papier zu bringen.

[…] Die allgemeine Aufmerksamkeit war auf den neuen Regenten gerichtet, man erwartete von ihm die weisesten Maßnahmen, die wohltätigsten Dekrete, die ausgeprägteste Harmonie zwischen dem Herzog und der Assemblée des états; kurzum, man hatte gehofft – und was haben die Menschen nicht schon alles erhofft! –, das Goldene Zeitalter würde wiederkehren. Niemand konnte weniger all diesen Hoffnungen entsprechen als Ludwig Eugen. […]

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